#MeineStraße

Aus dieser Perspektive habt Ihr Berlin-Gesundbrunnen noch nie gesehen

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Berlin-Gesundbrunnen an einem Mittag im Herbst: Die Sonne scheint, buntes Laub wirbelt umher und der Kiez ist in Bewegung. Überall herrscht reges Treiben, auch auf der Voltastraße. Was niemand ahnt: Nur wenige Meter tiefer befindet sich Deutschlands erster U-Bahn-Tunnel, erbaut vor mehr als 120 Jahren zur unterirdischen Verbindung von zwei Fabriken der ehemaligen AEG. Zusammen mit Holger Happel vom Berliner Unterwelten e.V. sind wir hinabgestiegen, um Euch den Gesundbrunnen aus einer völlig neuen Perspektive zu zeigen: von unten.

Startpunkt der Tour ist der von Industriebauten gesäumte Hof des AEG-Geländes zwischen Voltastraße, Gustav-Meier-Allee, Brunnenstraße und Hussitenstraße. Von dort führt uns Holger, ausgerüstet mit Taschenlampe und Stadtplan, zu einem gut versteckten Treppenhaus in einem der Gebäude. Quietschend öffnet sich die schwere Tür zu einem Kellerraum, in dem uns der Geruch von altem Beton umhüllt. „Der Tunnel, in den wir gleich hinabsteigen, wurde bis in die späten Siebziger als Verkehrsweg zwischen zwei AEG-Arealen genutzt“, erklärt Holger. Er verbindet das Gelände an der Voltastraße, an dem wir uns gerade befinden, und ein anderes weiter südlich auf der Ackerstraße. Zunächst fuhr dort eine elektrische Eisenbahn, später wurden die Schienen zubetoniert und der Tunnel auf elektrischen kleinen Karren oder zu Fuß durchquert.
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Hinter einer Tür im Kellerraum steigen wir zunächst ein paar weitere Stufen hinab, dann laufen wir hinein in den Tunnel und fortan immer leicht bergab in Richtung Ackerstraße. An der Wand hängt ein Schild mit einer Eisenbahn, „weil theoretisch jederzeit ein Zug kommen könnte”, lacht Holger. An der Decke verlaufen Rohre, die Wände sind uneben und feucht. Die Luft ist kühl und riecht nach abgestandenem Wasser. Vor einigen Monaten haben die Vereinsmitglieder versucht, den Tunnel mit einer Draisine zu durchqueren. „Das funktionierte prima, aber nur bergab“, verrät uns Holger. Zu diesem Zweck wurden auch die historischen Schienen im Tunnel wieder freigelegt. 

Während wir uns unterhalten, fällt die besondere Akustik des Tunnels auf: Stets hat man das Gefühl, dass einem Leute entgegenkommen. „Das ist aber nur unser eigenes Echo”, erklärt Holger. „Als wir im Juni unser Jubiläum gefeiert haben, sind wir hinter einer Kapelle mit Posaunen und Akkordeon durch diesen Tunnel marschiert. In einer Polonäse sozusagen. Das klang super, die Geräuschkulisse hier”, erzählt er und leuchtet mit der Taschenlampe die Schienen entlang. 
 
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Wir sind jetzt unter dem Bürgersteig der Voltastraße und biegen rechts auf den Verlauf der Voltastraße ab. Rechts und links am Boden gibt es kleine Wasserrinnsale. „Das ist kein Grundwasser, sondern Schichtenwasser oder Wasser, das an der Oberfläche durchsickert“, erklärt Holger und fügt hinzu: „Am tiefsten Punkt wird es durch eine Pumpe abgepumpt – der ewige Kreis.“ An einer anderen Stelle sickert Wasser durch die Wand. „Unser kleiner Gesundbrunnen, sagen wir immer“, lacht Holger. 

Es gibt immer wieder kuriose Anfragen zur Nutzung des Tunnels. Manchmal werden die Tunnel für Dreharbeiten freigegeben, meist für Dokumentationen. „Die gehypte Serie ‚Berlin Station’ wurde zum Beispiel auch teilweise in diesem Tunnel gedreht“, sagt Holger stolz. In der Tat kann man sich hier unten sehr gut vorstellen, Spionen zu begegnen – genau wie in der Serie. 

Langsam gehen wir wieder bergauf und Holger verrät uns, dass der Gesundbrunnen mehr durch Zufall zur Zentrale des Berliner Unterwelten e.V. wurde: „Wir konnten im U-Bahnhof Gesundbrunnen 1998 unsere ersten Räumlichkeiten anmieten.“ Der Verein richtete dort das Berliner Unterwelten Museum ein. „Dann haben wir uns im Gesundbrunnen-Bezirk umgeguckt und weitere unterirdische Schätze in der Umgebung gefunden“, sagt Holger.
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Er selbst ist seit 2003 beim Berliner Unterwelten e.V.: „Ich bin damals gemeinsam mit einem Kumpel übers Wochenende nach Berlin gefahren. Er wollte zur Hertha ins Stadion und ich bin zu einer Führung bei den Unterwelten gegangen“, erinnert sich Holger. Die Führung hat ihm so gut gefallen, dass er direkt das Praxissemester seines Tourismuswirtschaft-Studiums beim Verein machte. „Daraus ist dann ein Job geworden”, lächelt Holger. Und der Reiz daran sei bis heute nicht verloren gegangen. Im Gegenteil. Auch heute noch fasziniere ihn die Zeitgeschichte, die sich unter der Erde der Hauptstadt versteckt: „Jüngere Zeitgeschichte ist in keiner Stadt weltweit so komprimiert vorhanden wie in Berlin. Denn die Spuren der Geschichte, die an der Oberfläche Berlins oftmals verschwunden sind, sind häufig unterirdisch konserviert.“   

Dann ist das Ende des Tunnels erreicht. Quietschend öffnen sich die dicken Türen, als wir wieder an die Oberfläche treten. „Welt, du hast uns wieder”, ruft Holger. Oben ist es gleich viel wärmer und unsere Augen brauchen einen Moment, bis sie sich wieder ans Tageslicht gewöhnt haben. Die Sonne scheint immer noch und ein paar Studenten, die draußen die Pause bis zur nächsten Vorlesung genießen, schauen zu uns herüber.  Keiner von ihnen ahnt, was für ein Schacht sich unter ihren Füßen befindet. 

Die Tour A durch den AEG-Tunnel findet übrigens jeden Samstag statt. Falls Ihr auch einmal hinabsteigen und den Gesundbrunnen von unten erkunden wollt, hier geht's zur Anmeldung.