#NeuDenken

Wir treffen #fridaysforfuture

Hört auf die Wissenschaft

Anfang Juli sitzen sich im „Kreativraum“ des GASAG-Gebäudes am Hackeschen Markt zwei auf den ersten Blick sehr ungleiche Gesprächspartner gegenüber: der Vorstandsvorsitzende der GASAG, Dr. Gerhard Holtmeier, und Vincent Bartolain aus Deetz bei Brandenburg a. d. H., 18-jähriger Klima-Aktivist der Fridays for Future (FFF). Sie führen ein Gespräch über Klima, Technologien und Zukunftsängste. 
GloverHoltmeierVincent4

Gerhard Holtmeier: Ich muss sagen, ich finde Ihren Einsatz bemerkenswert. Wie schaffen Sie das, neben der Schule, diese doppelte Belastung?

Vincent Bartolain: Ich war letztes Jahr kurz vor Weihnachten auf meiner ersten Fridays for Future-Demo in Potsdam und seitdem auf 20 weiteren, von Aachen bis Zürich. In einem halben Jahr ist so viel passiert – ich habe quasi kein Privatleben mehr. Am Wochenende arbeite ich den ausgefallenen Freitag in der Schule nach und bereite dann schon gemeinsam mit meinen Aktivisten-Freunden die nächste Demo vor.

GH: Ich habe fünf Kinder von 18 bis 26 Jahren und muss mich zuhause den Diskussionen stellen: ‚Was tut ihr für das Klima?‘

VB: Ja, das interessiert mich natürlich auch. Ich habe bei meiner Vorbereitung gelesen, sie handeln mit Strom – ist der öko?

GH: Ist er. Außerdem produzieren wir seit einigen Jahren unseren eigenen Wind- und Photovoltaikstrom. Wir haben uns das Leitbild einer CO2-neutralen Zukunft gegeben, und müssen jetzt auch danach handeln. Reicht Ihnen denn so ein Leitbild, was sind Ihre konkreten Forderungen an einen Energieversorger wie die GASAG?

VB: Wir fordern ja eigentlich nichts, außer: Hört auf die Wissenschaft! Ich persönlich habe nur meine eigenen Erfahrungen, die mir zeigen, dass es ständig außergewöhnliches Wetter gibt. Wir haben zuhause einen Garten, in dem wir eigenes Gemüse und Obst anbauen, und ständig fallen Ernten aus – zu heiß, Gewitter, Starkregen. Ich habe auch bemerkt, dass es keine Schneewinter mehr zum Rodeln gibt. Die Natur ändert sich. Aber das sind meine eigenen Ansichten. Deshalb haben wir die Stimmen von 26.000 Wissenschaftlern zusammengetragen. Die sagen: ‚Leute, es gibt den Klimawandel, und wir müssen jetzt handeln!‘ Und wir sagen: Wir Kinder und Jugendliche wollen ganz einfach weiter auf dieser Welt leben können.

GH: Es erinnert mich an meine Jugend, als der „Club of Rome“ vor düsteren Szenarien warnte! Vieles ist zwar davon nicht eingetroffen – was aber kein Grund sein darf, die heutige Sorge der Jugend nicht ernst zu nehmen. Um den Klimawandel zu stoppen, gibt es verschiedene Wege. Ich persönlich bin zum Beispiel ein großer Freund der Energieeffizienz: Wir könnten so viel Energie sparen, wenn Verbraucher und Industrie effizienter mit Energie haushalten würden. Solche Ideen und Forderungen gibt es allerdings schon seit mehr als zehn Jahren, seit den „Meseberger Beschlüssen“ der Bundesregierung im Jahr 2007 – es lohnt sich, die mal zu googeln. Passiert ist seitdem leider nicht viel. 

GloverHoltmeierVincent7

VB: Energieeffizienz ist sicher eine gute Idee. Ich würde aber gerne beim persönlichen Lebensstil anfangen und sagen: konsumiert weniger, kauft gebrauchte Klamotten, esst weniger Fleisch! Jeder kann doch in seinem eigenen Rahmen so viel bewegen. Wenn ich in den Supermarkt gehe und gucke, wo die Produkte überall herkommen – das ist doch nicht nötig, das geht doch auch eine Nummer kleiner. Ich finde auch, dass man viele Probleme in den Kommunen angehen kann …

GH: … die kein Geld haben …

VB: … wo man aber mit kleinen, konkreten Lösungen viel bewirken kann – wie Blühstreifen oder Gründächer.

GH: Ich glaube, wir müssen große Schrauben drehen, europäische Lösungen finden, um den CO2-Ausstoß zu senken. Indem er eine Form von Preis bekommt, mehr Verbrauch also auch spürbar teurer wird. Es muss viel mehr Geld in die Forschung zukunftsfähiger Technologien gesteckt werden. Da sind die Angebote der Politik noch mickrig. Wir haben tolle Ideen zum Thema ‚Power-to-Gas‘, also überschüssige Windenergie in Form von Wasserstoff zu speichern, klimaneutral und emissionsfrei. Den Wasserstoff können wir über die bestehende Gas-Infrastruktur bewegen und speichern. So könnte man viele Probleme lösen. Vieles ist noch in der Entwicklung, wir würden uns großzügige Unterstützung erhoffen …

Wir wollen weiter auf dieser Welt leben können.

Vincent Bartolain

VB: Ich bin von der Politik schon sehr enttäuscht. Ich war jetzt einige Male im Brandenburger Landtag in Potsdam, und erschüttert, wie wenig da passiert. Die machen einfach so weiter, nichts wird umgesetzt …

GH: Wandel passiert nicht über Nacht, die Systeme sind träge. Das ist frustrierend, auch für mich. Aber was haben Sie denn für Vorschläge, für Ideen?

VB: Wenn wir die Lösungen liefern sollen, können wir ja gleich das halbe Parlament austauschen! Aber im Ernst: Wir sind noch jung, wir machen das erst seit einem halben Jahr, da haben wir doch noch keine griffigen Lösungen zur Hand. Wir lernen ja alle noch, machen zusammen Teach-ins, laden Spezialisten zu bestimmten Themen ein. Wir sind offen, informieren uns. Vor kurzen gab es eine Veranstaltung, da ging es um die Vermietung von Solarzellen an Privatleute.

Wir müssen die großen Schrauben drehen.

Gerhard Holtmeier

GH: Das ist ein schwieriges Terrain! Wir haben ein Photovoltaik-Angebot mit Batteriespeicher. Ich sage es mal so: Die Leute rennen uns nicht die Bude ein. Es reicht also nicht, ein grünes Produkt bereit zu stellen – die Menschen müssen auch bereit sein, es zu nutzen. Förderung hilft. Das haben wir bei unserem Pilotprojekt zum Tausch von Öl- auf Gasheizungen festgestellt. Durch unseren Zuschuss konnten wir die Austauschquote verdoppeln.

VB: Mich würde noch interessieren, wie Sie FFF wahrnehmen. Hat unser Einsatz Ihrer Meinung nach denn etwas bewirkt?

GH: Ich war letztens bei einem ‚Energie-Frühstück‘ mit dem GRÜNEN-Politiker Robert Habeck. Da hatte ich eigentlich ein paar Männer in Anzügen erwartet, wie ich einer bin. Stattdessen waren fast 400 Gäste gekommen, bunt gemischt. Das Thema ist jetzt hochaktuell und hat wohl auch durch FFF eine neue Dimension bekommen. Hoffen wir, dass es Mainstream wird und nicht verpufft! Und hoffentlich bleiben auch die Schülerinnen und Schüler dabei – wie sind da die Chancen?

VB: Wer jetzt noch dabei ist, wird sich weiter mit dem Thema auseinandersetzen, davon bin ich überzeugt!

 

Etwas mehr als eine Stunde ist vergangen, Vincent Bartolain muss los, den letzten Bus nach Deetz hat er schon verpasst: „Ein Nachbar wird mich am Bahnhof abholen.“ Was bleibt? Die Überzeugung, dass man im Gespräch bleiben sollte: „Fridays for Future hat es verdient, Antworten zu bekommen auf Fragen, die alle angehen“, resümiert Gerhard Holtmeier.