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Berliner Stadtmission: Mit Guido in der Kleiderkammer

Reihenweise Hemden, Pullover und Jacken auf Kleiderständern, daneben in Boxen und Regalen nach Größen sortiert Strümpfe, Unterwäsche und Schuhe – zu Besuch in der Kleiderkammer der Berliner Stadtmission stehen wir zwischen Anziehsachen aller Art. Es ist eng, rechts im Gang eine lange Reihe mit Hosen, links ein hohes Regal voll mit Socken. Aber Enge ist hier kein Problem. Im Gegenteil. Je mehr Auswahl, desto besser. Denn: Die Kleidung wird kostenlos an Obdachlose ausgegeben. Ihnen steht die Kleiderkammer in der Nähe des Hauptbahnhofs an fünf Tagen in der Woche als Anlaufstelle offen, wenn sie Bedarf an Anziehsachen haben oder tatsächlich mal der Schuh drückt. In beiden Fällen hilft Guido Brück. Er koordiniert die Kleiderkammer und unterstützt, wo er kann – bei der Suche nach der richtigen Größe ebenso wie mit einem guten Rat. Denn er weiß, wie das Leben auf der Straße aussieht – er war früher selbst sehr lange obdachlos.
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Für sieben Jahre lebte Guido ohne festes Zuhause. Alles begann damit, dass er wegen häufiger Trunkenheit von seiner Freundin vor die Tür gesetzt wurde. Seitdem wohnte er mal bei Freunden, mal in einer neuen Wohnung. Da er aber die Miete nicht bezahlte, saß er schon bald wieder vor der Tür. „Das ist ein Kreislauf. Je öfter man irgendwo rausfliegt und je öfter man draußen ist, desto mehr versucht man, sich auf der Straße einzurichten“, erklärt Guido. So habe er irgendwann angefangen, draußen zu schlafen. Im Sommer im Tiergarten und im Winter in Abrisshäusern oder damals noch nicht so abgeriegelten Neubauten. Leicht sei das anfangs natürlich nicht gewesen: „Klar hatte ich Angst. In jeder Nacht aufs Neue. Überall waren ungewohnte Geräusche ringsum. Es knackt und raschelt. Mäuse und Ratten laufen rum.“ 

Ich war zu stolz Hilfe zu suchen.

Letztendlich habe sich Guido aber daran gewöhnt. Draußen zu leben, ohne festes Zuhause, das sei irgendwann normal geworden: „Ich habe mich einfach rumgetrieben. Bahnhof Zoo, Breitscheidplatz. Ich hatte meine Ecken.“ So schlug er sich durch, Tag für Tag, mit Nichtstun oder Betteln, um Essen, Alkohol und Drogen kaufen zu können. Einen Weg aus der Obdachlosigkeit heraus suchte er zunächst nicht. Nicht einmal, als er in einer Nacht von drei Kerlen zusammengeschlagen wurde. „Ich war zu stolz, Hilfe zu suchen“, blickt er zurück und erklärt seine damalige Einstellung damit, dass man ja auch so durchs Leben kam.  

Irgendwann jedoch, nicht zuletzt auch wegen eines ersten von zwei Schlaganfällen, habe er beim Sozialamt um eine Wohnung gebeten und dadurch eine neue Bleibe in Berlin Hohenschönhausen gefunden. Doch die neuen vier Wände verlor er schon bald wieder, als er seine Rechnungen nicht zahlte, eine Stromsperre bekam und seine ersatzweise aufgestellten Kerzen die Wohnung in Flammen setzten. „Ich bin eingeschlafen und als ich wach wurde, stand das Feuer zwei Meter vor meinem Bett“, erinnert sich Guido an den Tag, an dem er letztlich Glück im Unglück hatte.

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Denn völlig abgebrannt wurde er zur Berliner Stadtmission gebracht und fand dort seitdem Schritt für Schritt den Weg aus der Obdachlosigkeit heraus. So konnte er nach einigen Nächten in der Notübernachtung der Stadtmission ins Übergangshaus einziehen, das Wohnungslosen ein vorübergehendes Zuhause mit Betreuung bietet. Dort blieb Guido für zwei bis drei Jahre, bis er mit Hilfe der Stadtmission eine neue eigene Wohnung fand. Zunächst allerdings nur vorübergehend, wie er erklärt: „Denn wie immer habe ich keine Miete gezahlt und bin so direkt wieder ins Übergangshaus zurückgekommen.“ Erst als ihm die Stadtmission eine zweite Chance gab und ihm eine weitere Wohnung vermittelte, nutzte er die Gelegenheit zu einem Neustart: „Ich habe meine Wohnung nun seit sieben, acht Jahren und bin der Stadtmission immer noch sehr, sehr dankbar. Sie hat mir damals wieder richtig auf die Füße geholfen“, blickt Guido zurück und ergänzt: 

Nun will ich etwas zurückgeben.

Und genau das kann Guido in seinem Job als Koordinator der Kleiderkammer. Etwa 600 Bedürftige kommen dort jeden Monat hin, in den meisten Fällen Obdachlose, manchmal aber auch mittellose Flüchtlinge und Patienten aus der Ambulanz der Stadtmission. Jedem hilft Guido – je nach Bedarf mit Männer-, Frauen- oder Kinderkleidung. „Ich habe immer im Blick, was gerade gebraucht wird. Heute Pullover, morgen vielleicht T-Shirts“. Damit der Vorrat stimmt, fordert er deshalb immer rechtzeitig neue Kleidungsartikel bei der Sortierung an, in der die größtenteils gespendeten Anziehsachen zunächst gesichtet und im Hinblick auf eine Weiternutzung geprüft werden. An Nachschub gemangelt habe es noch nie: „In Berlin besteht eine große Spendenbereitschaft“, erklärt er und ergänzt: „Wir bekommen Spenden von Privatleuten und Firmen, ohne dazu aufzurufen“.
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Passende Anziehsachen findet dementsprechend jeder in der Kleiderkammer. Nacheinander kann gestöbert, nach der richtigen Größe gesucht und sogar anprobiert werden. Dafür hat Guido vor Kurzem extra eine Umkleidekabine errichtet. Wer noch nicht an der Reihe ist, bekommt Tee im Warteraum, quatscht mit anderen oder schaut denen zu, die sich mit ihren neuen Klamotten schon im Spiegel betrachten können – für viele das erste Mal seit langer Zeit. Als Reaktion bekommt Guido meistens Dankbarkeit zurück. Aber nicht immer: „Manchmal sind die Leute auch sehr fordernd. Viele wollen zum Beispiel Turnschuhe und fühlen sich ungerecht behandelt, wenn ein Obdachloser vor ihnen noch ein Paar bekommen hat, sie selbst aber keins mehr bekommen und andere Schuhe nehmen müssen“, beschreibt Guido und fügt hinzu: „Dann muss ich schon mal Klartext reden“. 

Nach Möglichkeit versucht er jeden gleich zu behandeln: „Ob die Leute angetrunken sind, übel riechen oder nur schlecht Deutsch sprechen ist mir Jacke wie Hose. Ich helfe allen, die zu uns kommen.“ Generell brauche es dafür vor allem Geduld und das richtige Fingerspitzengefühl. Doch davon hat Guido mehr als jeder andere. Nach seiner eigenen Erfahrung auf der Straße hat er ein Gespür und Verständnis für die Sorgen und Nöte der Obdachlosen und begegnet ihnen deshalb immer auf Augenhöhe. So mancher fühle sich dadurch angenommen: „Einige Besucher erzählen mir dann von der Straße und freuen sich, dass ich zuhöre“. Doch Guido hat noch viel mehr als nur ein offenes Ohr: Tipps. „Wenn ich merke, dass einer von der Straße runter will, dann mache ich ihn zum Beispiel auf die Beratung der Stadtmission aufmerksam“, erklärt er. Manchmal gibt‘s aber auch einfach praktische Hinweise, zum Beispiel zu kostenlosen Essensausgaben oder Waschgelegenheiten: „Stinkt einer, dann sag ich auch ‚Ey, geh‘ mal duschen. Am Bahnhof Zoo ist ein Hygiene-Center. Da musste nix bezahlen und kannst dich mal richtig pflegen und lange duschen.‘“ Shampoo und Duschlotion gibt es alles vor Ort. 
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Nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Erfahrung und seinen wertvollen Tipps ist Guido heute eine feste Größe in der Kleiderkammer und nimmt deshalb mittlerweile auch eine Reihe weiterer Aufgaben wahr: Er macht die Teamplanung, stellt Versorgungspakete für die mobile Ambulanz der Stadtmission zusammen, koordiniert die Zusammenarbeit mit sechs sozialen Second-Hand-Läden und bestückt im Winter zudem den Kältebus sowie die Kleiderausgabe der Notübernachtung mit warmer Kleidung. „Ich bin stolz darauf, dass ich das erreicht habe. Ich fühle mich wohl hier“, merkt er an und fügt noch freudig hinzu: „In diesem Jahr feiere ich schon mein Fünfjähriges.“ Wir finden‘s super und sagen: Herzlichen Glückwunsch Guido!

Als Berliner Unternehmen unterstützen wir die Obdachlosenhilfe der Berliner Stadtmission seit vielen Jahren speziell im Bereich der Kältehilfe. Angefangen hat unser Engagement mit einem warmen Essen, bevor wir 2002 erstmals die Kältehilfe unterstützt und das Weihnachtsessen für Obdachlose in der Berliner Stadtmission finanziert haben. Daran anknüpfend fördern wir seit mehreren Jahren insbesondere die Winterhilfe der Berliner Stadtmission mit dem Kältebus – zuletzt im Winter 2016/2017 mit einem Betrag von 10.000 Euro.