Slow Food II: Äpfel und andere Schätze der Hauptstadt

Berlin macht satt!

GASAG-Blog-Apfel-ernten-Berlin1

© Theresia Koch

Nicht nur auf dem Land, sondern auch mitten in Berlin: Herbstzeit ist Erntezeit. Ob etwas versteckt im Park, an kleinen Plätzen oder direkt am Straßenrand – bei genauem Hinsehen hat die Natur der Hauptstadt derzeit wieder einiges zu bieten. Obst und Nüsse natürlich, aber auch Beeren, Pilze und Kräuter. Praktisch für alle, die gerne ernten, aber keinen Garten haben. Findet auch Anja Fiedler. Zur Verminderung der Lebensmittelverschwendung setzt sie sich mit ihrer Plattform Stadt macht satt unter anderem dafür ein, die natürlichen Schätze unserer Umgebung zu nutzen. Beispielhaft dafür ist ihre Initiative Apfelschätze. Damit fördert sie die Ernte zahlreicher Äpfel in Berlin und Umgebung, die bisher immer unbeachtet auf den Bäumen blieben. Mehr darüber und auch ein paar Tipps zum schmackhaften Verzehr und zur Lagerung von Äpfeln hat sie der Hauptstadtmutti im Interview verraten.

Hauptstadtmutti: Liebe Anja, wie bist Du darauf gekommen, die Initiative Apfelschätze zu entwickeln? Und wann ging‘s los? 

Anja Fiedler: Äpfel waren in Deutschland immer ein Selbstversorgungsmittel. Früher kamen 80 bis 100 Prozent direkt aus der heimischen Ernte. Das nimmt jedes Jahr rapide ab. In Deutschland, besonders in Brandenburg und auch in Süddeutschland, gibt es sehr viele Bäume, die nicht mehr abgeerntet werden. Dabei könnte man sich mit Äpfeln immer noch selbst versorgen. Ich persönlich schaffe es mit meiner Familie von September bis Mai. Deutsche essen pro Person durchschnittlich 20 bis 30 Kilo Äpfel im Jahr und sind damit Weltmeister. Äpfel sind das beliebteste Obst hierzulande. Deshalb habe ich Apfelschätze gegründet. Um Äpfel, die nicht geerntet werden, zugänglich zu machen. Mittlerweile pflücken wir jährlich viele Tonnen und versorgen damit zahlreiche Apfelliebhaber sowie Kitas und Schulen.
GASAG-Blog-Apfel-ernten-Berlin2
© Theresia Koch
Hauptstadtmutti: Und wie genau funktioniert Apfelschätze?

Anja Fiedler: Ich verbinde Apfelbaumbesitzer mit Menschen, die Äpfel ernten wollen.  Sowohl in Gärten von Privatpersonen als auch auf Plantagen werden auf diese Weise Äpfel gepflückt, die ansonsten auf den Bäumen blieben. Im Winter organisiere ich außerdem Baumschnittkurse, um alte Bäume und Plantagen zu pflegen und zu erhalten. 

Hauptstadtmutti: Warum sind Dir Äpfel und die Initiative so wichtig? 

Anja Fiedler: Es geht mir auch ums große Ganze. Ich setze mich damit für eine höhere Bereitschaft auf politischer Seite und im Bildungsbereich ein, bestehende Ressourcen zu nutzen. Dieses Jahr beispielsweise ist die Ernte hier in der Gegend leider sehr schlecht. Wir ernten nur ungefähr zehn Prozent der üblichen Menge. Das ist auf der einen Seite furchtbar, auf der anderen Seite aber auch sehr interessant. Früher wäre eine solche Ernte eine absolute Katastrophe gewesen, denn damals war der Apfel im Winter ein wichtiger Vitaminlieferant in Deutschland. In Brandenburg gab es sogar ein Gesetz:  Wenn man heiratete, musste man Obstbäume pflanzen. Obst hat die Landbevölkerung gesund gehalten. Heute merken wir dagegen kaum, dass die Ernte schlecht war. Wenn überhaupt am Preis. Wir holen uns die Äpfel einfach aus anderen Regionen und Ländern. Warum also nicht erst einmal das Obst ernten, das bei uns an den Bäumen hängt?

Hauptstadtmutti: Wie verwendest Du denn persönlich die gepflückten Äpfel? Hast Du vielleicht ein paar Tipps?

Anja Fiedler: Wir machen zuhause alles Mögliche mit Äpfeln. Klar, wir essen sie gerne einfach so, aber wir bereiten daraus auch Apfelmus, Apfelpapier, Apfeltee und Apfelsaft. Besonders gut geeignet sind Äpfel außerdem zum Kochen. Ich nutze sie für Rotkohl und auch in Soßen. Denn Apfel verstärkt den Geschmack. Sogar Apfelpizza gibt’s bei uns. Und Snacks. Dafür trocknen wir die Äpfel. 
GASAG-Blog-Apfel-ernten-Berlin3
© Theresia Koch
Hauptstadtmutti: Das klingt nach einem großen Vorrat an Äpfeln. Wie werden sie am besten gelagert?

Anja Fiedler: Mit den richtigen Kisten ist es sehr einfach. Äpfel mögen es kühl und feucht. Die Kisten müssen auf jeden Fall luftdurchlässig sein. Besonders viel Platz ist nicht nötig. Ein Quadratmeter genügt, um eine Familie zu versorgen.

Hauptstadtmutti: Apfelschätze ist Bestandteil des noch größeren Projekts Stadt macht satt, das Du ins Leben gerufen hast. Worum geht's dabei?

Anja Fiedler: Stadt macht satt sammelt und entwickelt Ideen, wie wir in der Stadt Obst und Gemüse ernten und auf kleinstem Raum selbst Lebensmittel produzieren können. Mir geht es vor allem darum, ungenutzte Ressourcen aufzuzeigen und zu verwenden. Offene Fragen stellen sich in dieser Hinsicht zur Genüge: Was können wir selber produzieren, was wird im Überfluss produziert und was wird einfach nicht geerntet? Ich möchte, dass die Leute sich darüber verständigen. Also alle, die daran beteiligt sind: der Produzent, der Verkäufer und der Konsument. Es geht um das eigene Umfeld, um die drei, vier Straßen ringsherum. Um das überschüssige Brot beim Bäcker nebenan, das aussortierte Gemüse aus dem Supermarkt, die Bäume und Sträucher, die ungeerntet bleiben. Was gibt‘s da im Überfluss? Und könnte unsere Versorgung in Zukunft auch anders aussehen? Ich betreibe zum Beispiel auch Urban Gardening, indem ich Kleinsträume bepflanze. Die findet mal überall: an Zäunen oder auf Fensterbänken und Balkonen. 

Hauptstadtmutti: Wie ist dieses Projekt entstanden und warum machst Du das? 

Anja Fiedler: Entstanden ist Stadt macht satt im Rahmen eines großen Projekts der Bundeskulturstiftung. Bundesweit wurden 18 Künstler dafür ausgewählt, nachhaltige Kunstprojekte für Schulen zu entwickeln. Ich gehörte dazu und habe Stadt macht satt ins Leben gerufen. Zu Beginn habe ich dann für ein Jahr mit einer Schule zusammengearbeitet. Das war super. Selten habe ich so einen wahnsinnigen Änderungsprozess in so einer großen Nachbarschaft und Gruppe erlebt. Und das allein durch Essen! Die Hebelwirkung, die man da als Veränderer hat, ist enorm. Und jetzt geht Stadt macht satt schon ins siebte Jahr.
GASAG-Blog-Apfel-ernten-Berlin4
© Theresia Koch
Hauptstadtmutti: Heute arbeitest Du auch noch viel mit Schulen zusammen. Wie genau organisierst Du das?

Anja Fiedler: Schulen fragen mich an. Bisher bin ich dann mit den Kindern los. Ich gucke immer, was es im Umkreis von 500 Metern einer Schule gibt. Und habe mit den Kindern zusammen ein Netzwerk mit den Läden in der Nachbarschaft aufgebaut.

Hauptstadtmutti: Eine letzte Frage noch. Du gehst mit Schülern auch schon mal in den Supermarkt und sprichst den Überfluss direkt an. Wieso und mit welchem Effekt?
 
Anja Fiedler: Mir geht es um Kooperationen. Darum, dass Leute zusammenkommen. Das ist immer das Allerschönste. Schüler sind in ihrer Art meist direkt, wenn sie zum Chef des Supermarktes kommen. Da fragt schon mal einer: ‚Hey, wie blöd bist du eigentlich? Die Banane ist gerade reif und du sortierst sie aus!‘ Kinder haben noch nicht die Filter, die wir Erwachsenen haben, und kennen die EU-Normen nicht. Für die ist das absurd und sinnlos. Entscheiden kann meist der Filialleiter. Hier und da kommt es dann zu Kooperationen mit den Schulen.

Hauptstadtmutti: Vielen Dank Anja!

Wenn Ihr jetzt Lust bekommen habt, selbst Obst und Gemüse zu ernten, zu retten oder auch anzubauen, macht einfach mit. Mehr Infos zu gemeinschaftlichem Apfelpflücken, Baumpflege-Terminen sowie Workshops zu Apfelsorten, Apfellagerung und -verarbeitung findet Ihr unter Apfelschätze.

Oder zieht direkt selbst zum Obsternten los. Auf der interaktiven Karte von Mundraub seht Ihr, wo in Berlin und anderen deutschen Städten frei zugängliche Obstbäume stehen. 

Zusätzliche Informationen zu den Aktionen von Stadt macht satt und den damit verbundenen Schulprojekten mit Lebensmitteln findet Ihr hier