Roof Farming: Fisch und Gemüse vom Dach

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Berlin Kreuzberg, hoch oben auf dem Dach einer Wohnanlage unweit vom Potsdamer Platz: Nach etlichen Treppenstufen liegt die Großstadt plötzlich einige Stockwerke tiefer. Keine Hektik mehr, kein Lärm. Nur der Wind pfeift um die Ohren. Zeit, für einen Moment den Blick schweifen zu lassen: Etwas zurück im Häusermeer zu sehen sind die Türme der neuen Mitte Berlins, ringsum die Wohnblöcke der Nachbarschaft, größtenteils Flachdächer, hier und da Schornsteine, Lüftungsschächte und Fernsehantennen. Mal sticht eine Dachterrasse heraus, ansonsten bestimmen Beton und Stahl die Aussicht. Für uns jedenfalls. Ein ganz anderes Bild vor Augen haben dagegen Anja Steglich und Grit Bürgow, die mit uns aufs Dach gestiegen sind. Die beiden Wissenschaftlerinnen vom Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin sehen eine grüne Dachlandschaft mit Gewächshäusern vor sich, in denen Fische und Gemüse produziert werden. Utopisch? Von wegen! Die beiden initiierten erfolgreich einen Modellversuch und arbeiten bereits an der praktischen Umsetzung eines Projektes: der Roof Water-Farm.

Bereits 2013 errichteten Anja und Grit zusammen mit Forschungs- und Praxispartnern und unterstützt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein Gewächshaus, in dem sie frische Nahrungsmittel in verschiedenen Testreihen erzeugen. Eine davon folgt dem Prinzip der Aquaponik und kombiniert die Produktion von Fischen und Pflanzen in einem geschlossenen System. Das funktioniere ganz einfach, so Anja: „An einer ersten Station werden die Fische gezüchtet und geben dabei Nährstoffe ins Wasser ab. Danach fließt das angereicherte Wasser weiter auf mehrere Pflanzentische und bewässert dort als natürlicher Dünger das Gemüse, bevor es zurück in die Fischbecken fließt und der Kreislauf von vorn beginnt.“ In der Anlage in Kreuzberg ist dementsprechend alles im Fluss. Auf der einen Seite drehen Welse im Fischbecken ihre Runden, auf der anderen schießt der Salat auf den Tischen empor. Farming mitten in der Stadt.
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Besonders ist das Gewächshaus der Roof Water Farm aber noch aus einem ganz anderen Grund: Statt Frischwasser für die Fischzucht und die Bewässerung der Pflanzen zu nutzen, wird hier aufbereitetes Abwasser aus den Wohnungen des umliegenden Wohnblocks eingesetzt. Recycelt wird es in einer angedockten Aufbereitungsstation. „Dachfarmen entstehen schon heute überall, aber wir sind die Ersten, die diese Idee mit Abwasserrecycling kombinieren“, bringt Grit die ressourcenschonende Innovation der beiden Forscherinnen auf den Punkt. Zu unterscheiden sei jedoch zwischen verschiedenen Wasserströmen: Für die Aquaponik recycelt werden kann Abwasser vom Duschen, Waschen und Spülen, das Wasser aus Toiletten hingegen nicht. Das kann lediglich in Flüssigdünger für separate Pflanzenproduktionen umgewandelt werden. „Die Grundvoraussetzung für unsere Idee besteht deshalb in der Trennung der verschiedenen Abwässer. Das ist ähnlich wie beim Müll, nur trennen wir nicht in verschiedenen Tonnen, sondern in verschiedenen Leitungen“, erklärt Anja.
 

Im Prinzip also ganz einfach. Und noch besser: Bereits heute trägt die Idee der Nahrungsmittelproduktion mit recyceltem Wasser erste Früchte. Gleich mehrmals im Jahr können Grit und Anja im Gewächshaus ernten, meist Gemüse und Salat, im Sommer zum Beispiel aber auch Erdbeeren. „Einfach alles, was nach oben wächst“, erklärt Anja später. An Frische und Qualität mangele es den Fischen und Pflanzen im Vergleich mit Produkten aus herkömmlichen Anbaumethoden jedenfalls nicht. Zwar steht noch eine lebensmittelrechtliche Prüfung aus, doch für Anja und Grit ist das Ziel klar: Der Fisch, das Gemüse und das Obst gehören schon bald auf den Teller. Möglichkeiten dafür gibt es viele. So können die frischen Nahrungsmittel zukünftig beispielsweise von Hausbewohnern, in Hotelrestaurants oder in Firmenkantinen gegessen werden – je nachdem, auf welchen Gebäudetypen Gewächshäuser gebaut werden. 
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Und genau darin liegt der nächste Schritt: Die Roof Water-Farm auf die Häuser der Stadt zu bringen. Zwar steht auch die Modellanlage von Grit und Anja in Kreuzberg noch auf dem Boden, doch als Leichtbauvariante mit Pflanzenproduktionen ohne schwere Erde ist die Farm leicht aufs Dach zu heben. So sehen die beiden Forscherinnen großes Potential für ihre Idee, vor allem in Berlin, auch wenn die Gebäude hier in der Regel keine getrennten Abwasserleitungen haben: „Der Zuzug nach Berlin ist groß. Überall wird neu gebaut. Da kann man zukünftig einfach direkt die richtigen Leitungen einbauen“, blickt Grit optimistisch voraus. Und auch auf bestehenden Gebäuden ohne entsprechendes Abwassersystem könne grundsätzlich Roof Water Farming betrieben werden – zum Beispiel bei notwendiger Sanierung oder auch mit Regenwasser als Alternative zum häuslichen Abwasser.  

So oder so, das Konzept von Grit und Anja ist Nachhaltigkeit pur. Statt frische Lebensmittel wie in der Landwirtschaft üblich mit Frischwasser zu produzieren und danach auf teils langen Wegen gekühlt in die Stadt zu transportieren, können Gemüse, Obst und frischer Fisch direkt vor Ort und ressourcenschonend erzeugt werden. Insofern wird es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auf den ersten Dächern der Stadt in Roof Water Farmen geerntet wird. Denn selbst wenn es kleine Schritte sind: „Der verbreitete Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und die wachsende Gardening-Bewegung sorgen für ein Umdenken in der Stadtentwicklung“, so Anja. Wir drücken die Daumen und sind gespannt. Mal sehen, was ein erneuter Blick vom Dach in ein paar Jahren zu bieten hat – vielleicht ja bereits etwas mehr Grün als Beton.

Noch mehr Informationen zur Roof Water-Farm gibt’s online oder aktuell auf der Internationalen Gartenausstellung in Berlin Marzahn. Dort stellen Anja und Grit zusammen mit den TopFarmers in einer Ausstellung das Aquaponik-Prinzip vor und erklären, wie dieses System mit aufbereitetem Abwasser betrieben werden kann. Darüber hinaus bieten sie am 15. und 19. Juni Praxisworkshops zur gebäudeintegrierten Landwirtschaft an. Weitere Details dazu und zur Anmeldung unter www.roofwaterfarm.com/category/iga/