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Mit dem Kältebus durch Berlin

Gegen Nässe, Kälte, Schnee: Die Fahrer des Berliner Kältebusses Julia und Matze helfen Obdachlosen durch den Winter

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In Berlin leben Tausende Menschen auf der Straße. Vor allem im Winter kann das sehr belastend für diese Frauen und Männer sein. Zu ihnen kommt der Kältebus der Berliner Stadtmission mit Tee und Schlafsäcken. Für unsere #LassMalQuatschen-Reihe sind wir eine Nacht lang im Bus mitgefahren und haben mit den Fahrern Julia und Matze über Obdachlosigkeit, Berlin bei Nacht und alte Bekannte gesprochen.

„Bevor du einen Obdachlosen ansprichst, musst du dir bewusst sein, dass du zu jemandem ins Schlafzimmer gehst, ohne anzuklopfen, und ihn vielleicht aufweckst“, sagt Matze. Gemeinsam mit seiner Beifahrerin Julia steuert er den Kältebus zu einer unter Schlafsäcken verhüllten Person vor dem Elefantentor des Zoologischen Gartens.

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An diesem Januarabend zeigt das Thermometer ein Grad Celsius über dem Gefrierpunkt an, die Straßen sind nass, Regen liegt in der Luft. Ausgerüstet mit ihrem Türöffner – einem Korb gefüllt mit Tee in Thermoskannen, Bechern, Zucker und Süßigkeiten – nähert sich Matze dem Bündel Stoff. Der Schlafsack hebt sich und ein Männergesicht lugt darunter hervor, die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Er heiße Sebastian, komme aus Warschau und habe ein Kind in Berlin. Er lebe erst seit Kurzem auf der Straße, mit der Mutter seines Kindes habe es Ärger gegeben. Von Matze bekommt er eine Packung Lebkuchen und einen Schlafsack. Was noch fehlt, sind eine Hose und ein Pullover. In der Kleiderkammer der Berliner Stadtmission findet sich sicher etwas Passendes. 

Wie in jedem Winter fährt der Kältebus der Stadtmission seit dem 1. November durch die Straßen der Hauptstadt und schaut nach Obdachlosen, die nicht mehr aus eigener Kraft eine Notübernachtung aufsuchen können. Der Kältebus startete 1994, nachdem ein Obdachloser auf Berlins Straßen erfroren war. Die Mitarbeiter der Stadtmission suchten damals nach einer sofortigen Hilfemaßnahme und riefen den Kältebus ins Leben. 
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Für das Team beginnt jeder Abend mit einer Andacht in der Stadtmission Lehrter Straße in der Nähe des Hauptbahnhofs. Zusammen mit den etwa 30 Helfenden aus der Notunterkunft kommen sie kurz zusammen, um noch einmal in sich zu gehen und Kraft zu tanken für die nächsten Stunden. Danach stimmt jeder, der möchte, in ein gemeinsames Gebet ein, ehe es für das Kältebus-Team raus in die kalte Winternacht geht. 

Matze zieht die schwarze Kapuze über sein kurz geschnittenes Haar, seine vielen Tattoos sind unter einer grünen Bomberjacke versteckt. Auch Julia setzt ihre dunkle Mütze auf. Gemeinsam beladen sie den Kofferraum des blauen VW-Busses mit Lebensmitteln und Schlafsäcken. Die Handgriffe der beiden sind routiniert, sie verstehen sich ohne viele Worte. Denn beide kennen sich bereits vom Sozialarbeitsstudium und fahren seit einigen Wintern gemeinsam den Kältebus neben ihrer hauptamtlichen Arbeit bei der Stadtmission – Matze einmal die Woche, Julia zweimal im Monat.
 
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Der 35-Jährige nimmt hinter dem Steuer Platz, Julia daneben auf dem Beifahrersitz – wie immer, wenn sie gemeinsam Schicht haben. Auf Julias Schoß liegt das Klemmbrett mit den Zetteln für das heutige Protokoll: Wie viele Anrufer gab es, wie viele Personen wurden mitgenommen und wohin gebracht? Durchschnittlich 30 Anrufe kommen pro Nacht rein, an frostigen Nächten können es auch doppelt so viele sein.

Kurz nach 21 Uhr, das Telefon ist erst seit ein paar Minuten angeschaltet, kommt ein erster Anruf rein. Eine Frau meldet am S-Bahnhof Frankfurter Allee einen leicht bekleideten Obdachlosen. Als der Bus dort eintrifft, finden sie aber nur eine verwaiste Matratze. Wahrscheinlich habe der Mann schon eine Notunterkunft aufgesucht, vermutet Matze. Schon klingelt das alte Tastentelefon wieder in Julias Hand. Das Vivantes-Klinikum Spandau meldet einen Mann in ihrer Notaufnahme, der für diese Nacht kein Obdach hat. 
 
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Auf dem langen Weg quer durch die Stadt scannen Matze und Julia ihre Umgebung immer wieder auf Menschen an Bushaltestellen oder in dunklen Ecken und Hauseingängen. Laut Stadtmission leben in Berlin 5.000 bis 8.000 Obdachlose – ein Viertel davon Frauen. Mangelnder Wohnraum in der Metropole und die stetig wachsende Zahl osteuropäischer Obdachloser verschärfen die Situation zudem. „Mein Eindruck ist, dass auch immer mehr Rollstuhlfahrer auf der Straße leben. Aber kaum eine Unterkunft ist barrierefrei und kann sich um beeinträchtigte Menschen kümmern. Das ist wirklich ein Problem“, sagt die Sozialarbeiterin.

In Spandau holt das Team ihren ersten Gast ab. Matthias ist 53 Jahre alt, aufgrund eines versteiften Beins muss er an zwei Krücken laufen. Sein anderes großes Problem: Er ist seit Jahren heroinabhängig. Eigentlich wollte der gelernte Kfz-Mechaniker in der Klinik einen Entzug machen, aber das ging nicht so schnell.
 
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Der Bus rollt weiter zur Charlottenburger Schlosspark-Klinik. Matze und Julia holen ihre Gäste direkt von der Tür der Notaufnahme ab, reichen eine Hand oder tragen das Gepäck und helfen behutsam beim Einstieg in den Bus. Manche sind alte Bekannte, so wie Frau Zimmer. Die 75-jährige, kleine Frau mit der rosafarbenen Strickmütze auf den weißen Locken war drei Wochen im Krankenhaus. Das Herz mache ihr zu schaffen, erzählt sie. Während der Fahrt zur Notunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof erzählt sie zu jeder Station, jedem Bauwerk, das wir passieren, eine kleine Geschichte aus einem langen Leben, das scheinbar irgendwann die falsche Richtung eingeschlagen hat.

„Vor allem wenn ich junge, alte oder psychisch labile Menschen ohne Obdach sehe, geht mir das nah. Denn diese Menschen haben oft keine Alternative“, sagt Matze. „Dann hast du für denjenigen an diesem Abend eine Unterkunft gefunden. Was aber passiert am nächsten Tag? Es fehlt Hilfe, die grundlegend etwas verändert.“ Es ist Mitternacht, auf den Straßen sind nur noch vereinzelt Autos unterwegs. Matze und Julia schauen weiter, ob es den Menschen auf der Straße gut geht. Damit es auch in diesem Jahr keinen Kältetoten auf Berlins Straßen gibt.

Die Nummer vom Kältebus lautet 0178-523 58 38. 

Als Berliner Unternehmen unterstützen wir die Obdachlosenhilfe der Berliner Stadtmission seit vielen Jahren speziell im Bereich der Kältehilfe. Angefangen hat unser Engagement mit einem warmen Essen, bevor wir 2002 erstmals die Kältehilfe unterstützt und das Weihnachtsessen für Obdachlose in der Berliner Stadtmission finanziert haben. Daran anknüpfend fördern wir seit mehreren Jahren insbesondere die Winterhilfe der Berliner Stadtmission mit dem Kältebus – so auch in diesem Winter wieder mit einem Betrag von 10.000 Euro.