Die Kunst der Schadensabwehr: Was machen eigentlich Restaurateure?

Sechs Fragen an die Berliner Restauratorin Nicola Müller – sie betreut seit vielen Jahren die Kunstsammlung der GASAG.

Gasag_Wir_Berliner_218_Online_Titel_Restauratorin_1800x1200
Karl Heinz Jeron © VG Bild-Kunst, Bonn

1. Was macht eine Restauratorin eigentlich genau?

Wir Restauratoren konservieren, restaurieren, betreuen und erforschen Kunst. Die Restaurierung umfasst heutzutage sehr unterschiedliche Tätigkeitsbereiche. Laien denken dabei oft an das Klischee der Restauratorin mit Pinsel und bunter Palette vor der Staffelei. Eine ebenso große Rolle spielt aber die sogenannte „Präventive Konservierung“. Das sind Maßnahmen, die nicht das Kunstwerk als solches betreffen, sondern alles berücksichtigen, was dem Kunstwerk schaden könnte: Ist das Werk vielleicht zu viel Licht, schwankendem Klima oder Schadstoffen ausgesetzt? Könnte es von Insekten befallen oder durch Unachtsamkeit beschädigt werden? Hier kann vieles getan werden, bevor überhaupt Schäden auftreten. Dazu gehören bei Gemälden zum Beispiel auch Verglasungen, Rückseitenschutze oder Besucherabsperrungen. Zudem muss ich Alterungsprozesse und Veränderungen an den Kunstwerken im Auge behalten und – wenn nötig und möglich – handeln.

2. Können Restauratoren alles restaurieren? 

Wer in Deutschland Restauratorin werden möchte, muss sich nach einer kurzen praktischen Vorausbildung für einen bereits in Fachsparten aufgeteilten Studienzweig entscheiden: die Restaurierung von Gemälden und gefassten Skulpturen, Wandmalerei, Textil, Metall, Buch und Papier. Die Bedarfe der modernen und zeitgenössischen Kunst mit ihrer Materialvielfalt stellen uns vor immer neue Aufgaben, es gibt mittlerweile zum Beispiel eigene Studiengänge für die Restaurierung von Film- und Medienkunst oder moderne Materialien. Das macht den Beruf so vielfältig und spannend!

3. Sie betreuen ja die GASAG-Sammlung. Wo befindet die sich?

Die Kunstsammlung der GASAG wurde aufgebaut, als die Konzernzentrale noch in dem wunderbaren „Shellhaus“ des Architekten Emil Fahrenkamp aus den 1920er-Jahren untergebracht war, das ist gar nicht so lange her. Viele Arbeiten der damals jungen Künstler bezogen sich direkt auf die dortigen Räume, die Mitarbeiter wurden mit einbezogen. Mit dem Umzug an den Hackeschen Markt wurde die Sammlung geteilt. Der größere Teil der Kunstwerke findet sich seitdem als Dauerleihgabe in der Berlinischen Galerie. Weitere Werke – wie das großformatige Bild „Kottbusser Damm – Berlin is the place for me“ von Jim Avignon, das im Foyer hängt, sowie die jüngeren Neuankäufe – sind im jetzigen GASAG-Gebäude zu sehen.

4. Was genau sind Ihre Aufgaben bei der Betreuung der Sammlung?

Die Kunstsammlung der GASAG ist eine Konzernsammlung: Jeden Tag laufen viele Menschen in den Fluren an den Kunstwerken vorbei, sind die Mitarbeiter in den Besprechungsräumen dicht umgeben von Kunstwerken. Sie halten ihre Kaffeepause vor vertrauten Werken ab. Wegen dieses täglichen Betriebs mit all seinen Risiken steht hier die Sammlungspflege an oberster Stelle. Je besser der Zustand der Werke ist, umso eher wird ihre Unversehrtheit respektiert. Das ist wichtig, schließlich gibt es hier kein Aufsichtspersonal! Einmal im Jahr mache ich einen Rundgang durchs ganze Haus, um jedes einzelne Werk unter die Lupe zu nehmen und, wenn nötig, auch zu reinigen und kleine Maßnahmen vorzunehmen. Bei zeitgenössischer Kunst gibt es oft regelrechte „Sonderaufträge“. So muss ich bei der Arbeit „Energie“ von Blank & Jeron (siehe Foto) immer wieder das vom Künstlerduo festgelegte Zahlenverhältnis der verschieden farbigen Plexiglaskacheln überprüfen und gegebenenfalls (was immer der Fall ist!) durch Austausch und Ergänzung aus dem Vorrat wiederherstellen. Bei den heruntergefallenen Kacheln der interaktiven Arbeit müssen regelmäßig die Magnete neu verklebt werden. 

5. Welches ist Ihr Lieblingskunstwerk der Sammlung?

Eins meiner Lieblingswerke ist „Der Schwarm“ von Henrik Schrat, es lagert derzeit im Depot der Berlinischen Galerie und ist ein Riesenmobile mit Hunderten von kleinen, scherenschnittartigen Metallmotiven, deren Auswahl die GASAG-Mitarbeiter selbst mitentschieden haben. Das Mobile hing ursprünglich im 1920er-Jahre-Treppenhaus des Shellhauses, tanzte mit jedem Luftzug – wunderschön!
 
6. Was war Ihre spannendste Aufgabe im Zusammenhang mit der GASAG-Sammlung?

Spannend war der Umzug vom Shellhaus ins Hackesche Marktquartier – ich habe 2010/11 die komplette Koordination und konservatorische Betreuung des Kunst-Umzugs für die GASAG durchgeführt. Das reichte von der Kostenplanung über Verpackungsvorgaben, Koordination zwischen Art-Handling, Kunstspedition und meiner eigenen restauratorischen Leistung bis zur Mitarbeit bei der Auswahl der neuen Standorte für die Kunstwerke. Es ist alles schadenfrei abgelaufen, das war sehr befriedigend!

www.mrw-berlin.de

 

Sinn für Humor

Der Kunstraum im GASAG-Haus am Hackeschen Markt zeigt regelmäßig Ausstellungen Berliner Künstler.

Aktuell zu sehen: „Vorstadt“ von Katja Gragert und Uwe Langmann – Fotografien mit unaufgeregtem Blick und feinem Sinn für den Humor der Absurdität des Alltags. Noch bis zum 8. Februar 2019.